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  • AutorenbildSamuel

#06 Wir geben nicht auf!

Aktualisiert: 13. März 2023


Ich kann wieder laufen

Regelmäßige Physiotherapie, unsere regelmäßigen Fahrradtouren, viel frische Luft und gute Ernährung machen sich bewährt. Ich kann endlich wieder laufen. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie wackelig aber gleichzeitig großartig sich der erste Schritt anfühlt. Der Motivationspegel steigt enorm und wir sind wieder dabei unsere weiteren Reisepläne zu schmieden. Die Gedanken, dass jemand anders die Motorräder zurückholt, verwerfen wir.

In Deutschland besuchen wir noch Ayoub und seine Familie und bringen ihnen Geschenke, um uns bei ihm zu bedanken.


Neue Visa

Da wir diesmal in den Iran fliegen, ist es einfacher mit dem Visum. Wir können es online beantragen, müssen die Pässe dennoch einschicken, bekommen sie aber schon sehr bald mit dem Visum zurück. Kurze Randnotiz: Susi hat damals mit Ayoub im Iran Passfotos gemacht - mit Kopftuch. Dieses hat sie dann für ihr Iranvisum benutz. Nicht so gut. Ratet mal an welcher Stelle die Beamten eines jeden Landes stehenbleiben, wenn sie die Pässe durchblättern...



Zurück in den Iran

Wir bereiten uns auf die Rückreise vor. Da wir so sehr von allen verwöhnt wurden, möchten wir möglichst viele Geschenke mitnehmen und buchen zum ersten und einzigen Mal Tickets mit Gepäck. Wir kaufen uns einfache Reisekoffer und füllen diese mit Geschenken. Denn unsere Sachen sind ja im Iran - wir müssen also nichts für uns einpacken. Wir haben die Flüge nach Teheran gebucht, weil es so günstiger ist und uns dort Ayoubs Cousin Milad abholen soll. Er ist Mitte zwanzig und spricht super Englisch. Sein Vater habe dort mehrere Wohnungen und in einer können wir ein paar Nächte übernachten, hieß es. Wir sitzen im Flieger und sind aufgeregt. Wird alles klappen oder halten die uns bei der Einreise auf? Sind unsere Motorräder noch da? Werden wir ohne Probleme mit ihnen ausreisen können? Fragen gehen uns durch den Kopf während wir die Wolken von oben betrachten.


Teheran

Es ist zwei Uhr nachts. Kaum ist der Flieger gelandet, schreibt uns Milad, Shirazi und Ayoub ob wir angekommen sind und ob alles geklappt hat. Milad wartet schon. Wir bekommen ziemlich schnell unseren Koffer und sehen ihn warten. Wir stellen uns vor, steigen in sein Auto, ein typischer Peugeot, und es geht durch die Nacht-Hitze Teherans. "so, do you like Peugeot" "no, I don't like it, I like Ford Mustang but in this country you dont have the choise" Wow - wir sind tatsächlich wieder im Iran, aber hundemüde. Wir kommen bei einem Wohnhaus an, gehen in den Aufzug mit Musik, steigen im vierten Stock aus und betreten eine unfertige Wohnung, es riecht unangenehm aus dem Bad, Milads Vater schläft auf dem Boden. Milad weckt ihn, wir werden kurz vorgestellt, er zeigt uns einen Raum mit ein paar Decken auf dem Boden und schaltet die Klimaanlage ein. Wir legen uns einfach hin und wollen endlich zumindest ein paar Stunden schlafen, aber nach kurzer Zeit ist uns schon kalt und wo die Fernbedienung für die Klimaanlage ist, weiß nur Milad. Naja, gut dass man ein Kopftuch auch als Decke nehmen kann.



Sightseeing in Teheran

Am nächsten Morgen etwa um 9Uhr bekommen wir eine Kleinigkeit zum Essen. Milads Vater bereitet uns Tee zu und will einiges über uns wissen. Seine Mutter, seine Schwester und sein kleinerer Bruder wohnen in einer anderen Wohnung in der Stadt. Später sollen wir auch dorthin gehen. Milad ist anfangs etwas distanziert, scheint doch nicht so gut Englisch zu sprechen, aber nach einigen Gesprächen öffnet er sich langsam und wir führen immer tiefere Gespräche. Nach dem Frühstück wollen wir in die Stadt fahren und uns Teheran anschauen. Wir fahren zuerst zum Mohammad Reza Pahlavi Palast. Reza Pahlavi war der letzte Schah im Iran bevor die Islamischen Revolutionsführer die Macht übernommen haben. Der Palast ist nicht zerstört worden und dient als Museum. Milad staunt aber nicht schlecht als er beim Eingang für uns einen höheren Eintrittspreis bezahlen muss da sie uns (vor allem Susi) als Ausländer erkannt haben. Das schien ihm nicht bewusst zu sein, dass man so unverschämt gegenüber ausländischen Touristen sein kann. Der Palast ist riesig und es gibt sehr viel zu sehen. Die Iraner trauern immer noch dem Schah und hoffen insgeheim dass sein Sohn zurück kommt und das Land befreit. Dann geht es zu einem See mitten in der Stadt, an dem sogar manche Frauen mit dem Fahrrad entlang fahren und besuchen einen Markt wo wir iranischen Ayran ("Doogh") kosten dürfen. Die Hitze wird allerdings so unerträglich, dass wir bald zur Wohnung seiner Mutter fahren, seine Schwester und seinen kleineren Bruder kennenlernen, iranische Nudeln essen (extrem lecker, und ich mag eigentlich Nudeln nicht so gern!), und danach alle ins Nachmittagskoma verfallen. Nach dem Sonnenuntergang fahren wir noch gemeinsam auf einen Aussichtspunkt am Stadtrand, der bei Iranern extrem beliebt ist, weil man von dort aus die ganze Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten sehen kann. Besonders den Milad-Tower hebt Milad hervor und nennt ihn "my tower". Am Abend fahren wir zu der Wohnung wo wir geschlafen haben. Milads Familie war da und schimpften ihn, weil er uns in dem Zimmer schlafen ließ, das nicht fertig eingerichtet war. Wir nehmen es ihm das nicht übel. Er und seine Familie nehmen das mit der Religion nicht ganz so streng. Seine Schwester und seine Mutter tragen das Kopftuch zu Hause nicht (obwohl Samu dabei ist), sein Vater ist Geschäftsmann und regelmäßig in Armenien und Georgien wegen seiner Immobiliengeschäfte unterwegs. Es wird eine Kleinigkeit zum Abend gegessen und viel geredet und gelacht. Jetzt schlafen wir tief und fest auf ordentlichen Decken.



Noch mehr Sightseeing in Teheran

Am nächsten Tag soll es weiter durch Teheran gehen, wir sollen noch einige Museen und Parks besuchen. Ich kann zwar laufen aber mein Bein ist sehr schwach und ich muss sehr vorsichtig sein. Ich kann nicht schnell laufen und Milad muss immer auf mich warten. Eigentlich erzählten wir Milad dass wir dann mit dem Zug weiter nach Isfahan und Shiraz fahren möchten, denn das war ja ursprünglich der Plan. Er soll sich bitte erkundigen was die Zugtickets kosten und wie das abläuft. Aber seit dem wir in Teheran sind, sind wir von der unglaubliche Hitze und schwüle Luft erdrückt. Das haben wir nicht erwartet und können uns kaum vorstellen dass wir nochmal 1000km weiter südlich in die Wüste fahren werden und dort irgendetwas besuchen. Am Vormittag fahren wir in einen Naturpark mit vielen Wasserfällen wo man gut picknicken und zu den oberen Wasserfällen klettern kann. Ich bin dafür nicht fit genug trotzdem freuten uns aber wegen dem Schatten und der kühlen Luft.



Dann geht es wieder zum Mittagsessen nach Hause und wir machen wieder ein Mittagsschläfchen. Am Abend gehen wir Pizza essen in der Stadt und dann in den riesigen Ab-o Atash-Park (auch bekannt als Wasser- und Feuerpark), voll mit Menschen und Familien die Picknick machen. Man muss echt aufpassen dass man denen nicht auf die Finger tritt. Wir spazieren kilometerweit durch den Park. Wir unterhalten uns über viele Dinge. Von Anfang an war uns klar, dass Milad mit der Politik seines Landes nicht zufrieden ist und er erklärte uns viel über das Leben im Iran. Einmal wollte uns Milad erklären dass es im Iran keine Terroristen gibt und ein älterer Herr hinter uns sagte in perfekten Englisch "doch, es gibt Terroristen, unsere Regierung sind Terroristen und unterstützen Terroristen". Milad scheute sich nicht über die Regierung zu schimpfen. Wir bleiben weiterhin neutral und sind dankbar dass wir die Möglichkeit haben auch eine andere Meinung zu hören.



In Teheran ist uns aber aufgefallen dass uns nicht mehr so viele Menschen ansprechen und wir nicht mehr so oft "willkommen in Iran" hören. Das liegt natürlich daran, dass in Teheran viel mehr Menschen leben, etwa 9 Millionen und dass es natürlich viele fremden Menschen zu sehen gibt. Am Abend gehen wir zu der Wohnung von Milads Mutter, essen dort und schlafen dort im Wohnzimmer auf Decken am Boden. Aufgrund der Hitze und meiner nicht optimalen körperlichen Verfassung entscheiden wir uns nicht mehr nach Schiraz zu fahren sondern nach Malekan, wo wir den Unfall hatten und zu Mr. Shirazi wo unsere Motorräder untergebracht sind.



Mr.Shirazi SEPAH

Mr. Shirazi war die ganze Zeit mit uns in Verbindung und fragte uns immer wieder wann wir endlich nach Malekan kommen. Wir wollten nicht ganz so schnell nach Malekan fahren und wollten so viel wie möglich vom Iran, zumindest von Teheran sehen. Eigentlich war ja die Sache mit dem Trip nach Shiraz so gedacht, dass wir so zwei Wochen unterwegs verbringen, ein bisschen von dem Land sehen und und in der Zeit mein Bein stärker wird. Es ging mir tatsächlich täglich besser doch so schnell wieder aufs Moped wollte ich nicht riskieren. Aber daraus wurde nichts, wir müssen dann doch nach Malekan zu Mr. Shirazi fahren und dort noch etwas Zeit verbringen. Hoffentlich ist es dort temperaturmäßg ein bisschen angenehmer.



Milad ist gar nicht erfreut dass wir zu Mr. Shirazi fahren, denn er kennt ihn und mag ihn gar nicht und versucht uns von der Idee, Shirazi zu besuchen, abzubringen. Milads Familie kennt Shirazi sehr gut und seine Mutter kommt aus Malekan und war seine Schulkameradin. Das ist ja kein Wunder, denn durch Ayoub und Mr. Shirazi haben wir Milad und seine Familie kennengelernt. Sie alle wissen von den stark verschiedenen Überzeugungen, sie nehmen es aber gelassen, ja sie machen sich lustig darüber, wie Milad uns von der Idee abzubringen versucht. Shirazi ist Teil der SEPAH (die Geheimpolizei), sagte er. Für uns kommt das gar nicht in Frage und wir können einfach nur betonen wie viel Shirazi und seine Familie uns geholfen hat. Obwohl er das nicht hören mag, ist ihm klar dass wenn Shirazi uns nicht geholfen hätte, wir alle uns nicht kennengelernt hätten. Trotz allem entscheidet sich Milad, uns mit seinem Auto nach Malekan zu fahren und dabei Shomal (den Norden des Landes) mit uns auf dem Weg besuchen. Da wir in Gesprächen erzählt haben, dass wir sehr gerne campen, organisiert Milad kurzerhand ein Zelt von einem Freund und entscheidet, dass wir die Fahrt nach Malekan als Camping-Roadtrip gestalten. Uns erwartet ein originaler, knapp1000km Roadtrip durch den Iran. Das ist mal ein Plan - wir sind gespannt.



Roadtrip mit Milad

Da ist nur noch die Sache mit dem Wasser. Die Iraner haben sich daran gewöhnt, sehr wenig zu trinken, wir haben aber die ganze Zeit Durst. Milads Mutter gibt uns zwei gefrorene 0,5l-Wasserflaschen für den Trip mit. Das war's. Schon am Vormittag haben wir wieder Durst. Milad aber nicht. Wir müssen ihn ziemlich oft darum bitten, etwas Wasser für uns zu kaufen. Er meint, wenn er Cay trinkt, hat er keinen Durst mehr. Krass. Wir wollen ganz normal unsere Sachen bezahlen, aber wir sind ja im Iran, schon vergessen? Auch wenn Milad dieses ganze Taarof-Zeug nicht ernst nimmt, meint er, er zahlt jetzt einfach alles, notiert sich die Ausgaben auf dem Handy und wir können am Ende alles bezahlen. Naja, so ist es hier halt. Ok.

Wir fahren Richtung Norden, die Region heißt "Shomal". Milad schwärmt davon: "alles ist grün!". Von Teheran ist sie etwa 150km entfernt, die Strecke führt durch die Berge, ist eigentlich sehr schön aber leider sehr befahren. Gefühlt war hinter jeder Kurve Stau und es ging Kilometerweit nur zäh voran. Milad ist noch jung und verliert sehr schnell die Geduld und wagt sich oft in gefährliche Überholmanöver. Keine Ahnung warum die Strecke so beliebt ist, vielleicht wegen dem Wochenende? Teheran ist von sehr hohen Bergen umgeben und diese sind im Sommer ausgetrocknet und baumlos. Der Anblick über die Stadt ist gigantisch und die Hitze und der Schwüle Luft kann man erahnen. Die Berge durch die wir nach Norden fahren sind kahl oder komplett ausgetrocknet. Als wir im Mai da waren war die Landschaft in Nordwesten des Landes grün und es regnete fast jeden Abend kurz und heftig. Aber das hier war brutal heiß und trocken.



Shomal

Nach einer gefühlten Ewigkeit fahren wir einen Bergpass hoch und tatsächlich: Der Bergpass windet sich immer weiter nach oben, es ist sogar bewölkt oder neblig. Wir nähern uns dem Kaspischen Meer. Nach der Passhöhe ändert sich schlagartig alles. Die Landschaft wird grüner, es gibt Kühe, Imker und Wälder. Milad ist begeistert. Nach dem Bergpass bleibt die Landschaft grün. Wir sind im "Jungle", wie die Iraner den Wald nennen. Denn das ist der Wald bei ihnen. Viele Autos fahren mit offenen Fenstern, voll besetzt, laute Musik und die Leute filmen sich, wie sie durch grüne Landschaft umherfahren. Wahnsinn! Kann man sich bei uns kaum vorstellen. Und bei uns ist fast das ganze Jahr alles grün und keiner flippt deswegen aus. Es wird schon später Nachmittag, wir haben Hunger und Milad bringt uns in ein kleines Straßenlokal, wo es Reis mit verschiedenen Eintöpfen gibt. Die Iraner sind einfach unglaublich gute Köche und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gut Reis schmecken kann! Aber wir haben auch richtig Hunger. Nach dem lang ersehnten Mahl, geht es durch eine kleine Ortschaft, wo wir an einem Park vorbei fahren. "Hier übernachten wir.", eröffnet uns Milad. Wie jetzt? Ich dachte, man muss sich zum wild zelten verstecken. Nein. Im Iran nicht. Jeder kann einen Alacik (So heißen die Pavillons, die einen vor Sonne und Regen schützen) nehmen, sein Zelt darin aufbauen, ein Lagerfeuer machen und die Nacht genießen. Auch waren viele der andere Alaciks schon besetzt mit Zelten und großen Familien. Sogar Toiletten gibt es am Park - einfach an alles wurde gedacht. Milad muss sein Auto im Parkplatz stehen lassen und sichert es gegen Diebstahl mit einem Lenkradschloss, einem Pedalenschloss und einer Kette zwischen Lenkrad und Pedalen. Aber wir müssen uns gar keine Sorgen machen. Wir zünden ein Lagerfeuer an und reden über den Alltag der Iraner bis spät in die Nacht. Nachts hören wir wieder Coyotengeheul im naheliegenden Wald, so wie in Armenien damals.



Das Kaspische Meer

Zum Morgen wieder ein Feuer für Tee kochen und ein paar Kekse. Der heutige Tag führt über eine sehr stark befahrene, weiterhin bergige Straße mit weiterhin vielen begeisterten Iranern. Shomal - der Norden - scheint ein Sehnsuchtsort für sie zu sein. Der Tag vergeht schnell, wir verstehen uns immer besser mit Milad und bald kommen wir in die Ebene, das Meer ist schon in Sichtweite. Wir legen eine kurze Pause ein und schauen uns den Strand an. Dort trinken wir Tee und beobachten das Geschehen. Ganze iranische Familien sind am Strand aber nur wenige gehen ins Wasser und das auch nur voll bekleidet aber das stört sie anscheinend nicht und sie haben trotzdem Spaß. Bevor die Sonnenstrahlen uns zu Spiegelei verarbeiten, fahren wir weiter. Die Straße führt am Kaspischen Meer entlang, Richtung Nordwesten und ist ziemlich befahren da die Region sehr dicht besiedelt ist.


Wir kommen nur langsam voran, die Ortschaften hören nicht auf, wir sind gefühlt über eine Million Speedbumpers gefahren. In einer Ortschaft erwartet uns ein Freund von Milad. Der scheint echt reich zu sein, wir haben noch nie so eine luxuriöse Villa betreten. Sein Vater erkundigt sich nach unseren Studienabschlüssen und unseren Berufen. Er ist stolz auf seinen Sohn, weil er Studiert hat. Er wohnt aber immer noch bei seiner Eltern obwohl er schon längst Erwachsen ist. Das ist normal im Iran, dass die Kinder zu Hause wohnen bis sie heiraten. Die Mutter macht Tee für uns. Doch wir schlafen nicht bei Milads reichem Kumpel, denn wir werden heute noch weiter fahren. Wir machen aber einen kurzen Ausflug im Wald und zu einigen Höhlen in der Nähe. Sein Freund rät uns dringend davon ab im Dschungel zu campen, weil es dort Jaguare geben soll. Sowas schreckt Milad natürlich nicht ab. Nur um ihn sich besser vorstellen zu können: Sein Freund hat erzählt, dass er mal sauer auf Milad war, weil er eine ganze Cola (natürlich die Iranische Variante "Khosh Kovar") in seinem niegel nagel neuen Auto verschüttet hat. Milad sah es gelassen, sowas passiert doch eh früher oder später, man isst und trinkt ja auch im Auto. Vielleicht ist Milad ein bisschen neidisch auf seinen Freund und seine Familie, auf jeden Fall hat er uns mehrmals gesagt, dass sein Vater auch sehr reich sei aber dennoch sehr geizig.


Gut zu wissen

Apropos Essen, auf der Weiterfahrt haben wir Hunger. Milad weiß, dass Susi kein Fleisch mag, was gar kein Problem ist. Wir meinen dass wir das gleiche wie gestern essen könnten falls das leichter zu finden ist. Milad meint, wir können auf gar kein Fall in einer Woche zwei mal das gleiche essen. Es gibt genug Auswahl. Dann halten wir Ausschau nach Essensbuden. Wir meinen, da ist was zu Essen, Milad schaut sich es an und meint, nee, da nicht. Warum wollen wir wissen? Was hat er auf den ersten Blick gesehen, dass er genau diese Essensbude ablehnt, was wir nicht gesehen haben. Milad erklärt uns dass man im Iran auf die Kundschaft achten soll. Ist es Essenszeit und der Laden ist leer, dann ist dieser Laden nicht gut, ist er stattdessen voll, da lohnt es sich. Deswegen wollten die Restaurantbesitzer damals vor dem Unfall dass wir die Motorräder auf dem Gehweg direkt vor dem Laden parken, damit jeder sieht dass sie Kunden haben. Er hält am ersten Laden, wo Susi was essen kann und fährt uns beide dann zu einer Kebab-Bude. Im Iran ist es nicht so, dass ein Restaurant eine ellenlange Speisekarte hat. Jeder ist auf ein bestimmtes Gericht spezialisiert.



Nacht im Dschungel

Wir fahren also in den Dschungel, um zu campen. Milad sieht von der Straße einen guten Spot, fährt einfach mit dem Auto direkt in den Dschungel. Es ist schon dunkel, als wir das Zelt aufbauen und Feuerholz sammeln. Susi breitet drinnen die Decken aus, während Milad und ich uns um Feuerholz kümmern. Der hat doch echt einen Bunsenbrenner dabei, um die Sache zu beschleunigen. "Da sind Augen!", ruft Susi plötzlich. Sie hat Angst, gerade nach der Jaguar-Warnung von Milads Freund. Wir schalten um in den Notfallmodus. Milad mit dem Bunsenbrenner, ich mit der mini Axt. Die Augen kommen auf uns zu, es raschelt und knackst. Unser Adrenalinspiegel steigt. Das Tier gibt einen kräftigen "Muh"-Laut von sich und wir drei verfallen in Gelächter. Milad und ich haben sie jedenfalls erfolgreich verscheucht.

Wir verbringen noch einen schönen entspannten Abend vor dem Lagerfeuer. Milad erzählt, dass seine Freundin sauer ist, weil er mit uns zeltet und Susi auch dabei ist. Das geht eigentlich gar nicht im Iran. Für Milad schon. Er hat keinen Bock auf diese ganzen Konventionen, Regeln und Taarof und weist Susi auch immer wieder darauf hin, dass sie in dieser und jener Situation doch das Kopftuch ausziehen kann. Wir unterhalten uns auch über das Reisen, über Milads Situation. Er studiert, weil er den Militärdienst nicht machen möchte, deswegen darf er das Land nicht verlassen, auch wenn er es noch so gern würde. Mitten in unserem tiefgründigen Gespräch taucht plötzlich ein Mann mit Taschenlampe auf und kommt auf uns zu. Milad hält seinen Brenner bereit, ich meine Axt. Vielleicht übertrieben, aber es ist eben ungewöhnlich, dass ein Mann mitten im Dschungel in der Dunkelheit auf dich zukommt. Er hat aber sicherlich das Feuer von der Straße gesehen.

"Guten Abend. Ich suche meine Kühe. Habt ihr meine Kühe gesehen?". "Ja, eine ist in die Richtung gegangen.". Oh je, der Arme sucht in der Dunkelheit die Kühe, die wir verschreckt haben! Es ist spät, wir gehen ins Zelt und schlafen ruhig und entspannt ohne von einem Jaguar zerfetzt zu werden.


Am Meer entlang

Am nächsten Morgen meint Susi, sie hat in der Nacht irgendetwas neben unserem Zelt gehört. Als wir aus dem Zelt schauen, schläft ein Hund direkt daneben und freut sich sofort als er uns sieht. Das Lagerfeuer wird wieder für den Morgen-Cay entfacht. Na das gefällt uns aber =). Wir packen danach das Zelt zusammen und fahren zum letzten mal ans Meer. Dort sehen wir, wie einige Leute ganz angezogen baden. Es ist noch morgens und relativ frisch. Wir machen uns einen Tee am Strand. Ich glaube, ohne Tee würden viele Iraner verhungern und verdursten.



Heute haben wir einiges an Strecke vor uns, wir werden die Aserbaidschanische Grenze erreichen dann die Kaspische Dschungelregion verlassen und weiter Richtung Westen fahren. Aber zuerst geht es weiter am Meer entlang und zwar nach wie vor langsam. Die Gegend am Kaspischen Meer ist dicht besiedelt. Unzählige Speed bumpers verlangsamen den Verkehr massiv. Wir erreichen Astara an den Aserbaidschanische Grenze. Die Stadt ist in zwei Teile geteilt und bei den Iranern als Urlaubsort sehr beliebt. Wir fahren an Astara vorbei und dann direkt an der Grenze entlang Richtung Ardabil. Die Straße geht durch die Berge und windet sich schließlich immer weiter nach oben wie ein richtig schönen Bergpass in den Alpen. Kurz vor der Passhöhe hält Milad an und will die Panorama genauer betrachten. Anscheinend war er noch nie da und ist sichtlich von den grünen Berghänge und die Nebelwolken die nach oben wandern, beeindruckt. Es gibt Kühe und viele Imker genau wie in den Alpen. Ich mach ein paar Binder mit den Imkern für meinen Vater. Milad macht Bilder mit der grünen Landschaft für seine Familie. Als wir die Passhöhe überqueren hört die grüne Landschaft auf und wir fahren runter in eine Wüstenlandschaft. Unglaublich diese klimatische Grenze.



Ich würde ihn umbringen

In Ardabil will Milad Verwandte von ihm besuchen. (Iraner haben wirklich überall im Land Verwandte, Freunde und Bekannte!). Wir kommen schon zur Mittagszeit an, es ist sehr heiß. Zwei älteren Damen empfangen uns, wir werden gleich zum Tee eigeladen. Wie üblich, alles auf dem Boden. Die eine Frau ist interessiert an uns und unserem Leben, Milad ist sehr direkt: "Nein, sie sind nicht verheiratet". Die Frau schluckt. Ok. Das hat sie nicht erwartet. Milad sieht das locker und meint zu der scheinbar sehr religiösen Frau: Was wurdest du machen wenn dein Sohn mit eine Frau leben würde, ohne mit ihr verheiratet zu sein?". Die Frau antwortet entschlossen, "Ich würde ihn umbringen". Themawechsel. "Wie schön Susi doch ist, mit ihren blauen Augen!". Das hat Susi bis jetzt oft gehört im Iran. Eigentlich sagen wir immer, dass wir verheiratet wären um weitere Diskussionen zu vermeiden, aber Milad hat kein Problem damit wenn die Leute sich deswegen aufregen oder das nicht verstehen und sagt alles so wie es ist. Wir wollten die alten Frauen nicht verärgern, haben das Thema aber leider mit Milad nicht vorab geklärt. Trotz allem haben sich die alten Frauen über unseren Besuch gefreut, oder zumindest über Milad und werden sich bestimmt lange an uns erinnern.


Der Kartoffelofen

Wir fahren noch ein gutes Stück weiter. Die Straße führt nicht mehr durch eine so dicht besiedelte Region wie entlang des Kaspischen Meeres und wir kommen schneller voran. Nur die Landschaft ist trocken geblieben und nach wie vor sehr heiß. In einer Ortschaft dessen Namen wir uns nicht merken konnten, will Milad wieder Verwandte besuchen. Milad klopft unangekündigt an eine Tür und eine ältere Frau macht die Tür auf. Sie schien sich nicht so sehr zu freuen über Milads Besuch. Doch meint Milad dass wir bei dieser Familie übernachten werden. Der Mann der Gastgeberin, ist noch im Garten außerhalb der Stadt, wir sollen auch erstmal dort hin fahren. Als wir allerdings dort ankommen, ist niemand da.



Der Garten ist wie gesagt außerhalb der Stadt, hat viele Bäume, dichten Schatten und ein Gartenhaus mit mehreren Räume. Die Bäume, die im Garten wachsen sind eine besondere Sorte, erklärt uns Milad, die für die Trockene iranische Verhältnisse, doch relativ schnell wachsen und schließlich als Brennmaterial verkauft werden. Feuerholz ist im Iran teuer und sehr geschätzt. Der eine Sohn der Familie kommt und wir trinken zusammen Tee, dann kommt auch das Familienoberhaupt, ein etwas ältere Herr. Er freut sich über Milad, ist uns aber etwas skeptisch gegenüber, zumindest kommt es uns so vor. Wieder lassen uns die beiden allein, Milad soll aufs Feuer im Ofen aufpassen, bis die beiden zurückkommen. Erst vergeht die Zeit ganz langsam aber dann kommen Schlag auf Schlag immer mehr Leute, viele Familienmitglieder und deren Kinder. Der heiße Erdofen wird leergeräumt. Hier heißt er Tandoor. Wir versuchen denn Mann mit möglichst vielen Komplimenten zu seinem schönen Gartenhaus, den besonderen Ofen im Boden und seinem Motorrad zu besänftigen und scheinen ihm etwas sympathischer zu werden - auch unverheiratet. Als alle eingetroffen sind, gibt es endlich Essen.



Kartoffeln werden in die Hälfte geschnitten und an die Ofenwand gedrückt, so dass sie kleben bleiben. Auch ich und Milad dürfen es probieren, Kartoffeln an die heiße Ofenwand zu kleben. Diese werden mit Butter im Fladenbrot gegessen. Die Atmosphäre hat sich entgültig entspannt. Susi wird nach dem Essen wieder ins Frauenzimmer geholt und sieht sich die Turnübungen der Mädchen an (Samu darf diese auf keinen Fall sehen!). Als es schon sehr spät ist, werden wir zurück ins Haus von heute Mittag gebracht. Susi und ich dürfen in einem eigenen Zimmer schlafen (natürlich auf dem Boden. Echte Iraner nutzen keine Betten, das ist Platzverschwendung, die kann man morgens nicht einfach wegräumen.), Milad im Wohnzimmer.



Seifenfabrik

Wir haben schon einen Großteil der Strecke geschafft. Heute geht es nach dem Frühstückstee nur noch nach Maraghe. Das ist die Stadt, in der ich operiert wurde, also dann nur noch ca. 40km bis zu Mr. Shirazi. Dieser ruft Milad, wie jeden Tag seit unserer Ankunft in Teheran, an um zu fragen, wann wir endlich ankommen. Morgen, sagt Milad. Schade, unserer Roadtrip neigt sich dem Ende zu.

Nach dem Frühstück mit der Großfamilie machen wir ein paar Erinnerungsbilder und ich darf ein mal probesitzen auf dem kleinen Motorrad des Familienoberhaupts. Er ist den ganzen Tag auf dem Moped unterwegs. Als wir losfahren begleitet uns einer der Söhne mit dem Motorrad bis in das Ortszentrum und kauft uns zwei Tüten mit einem besonderen Fladenbrot mit Curcuma, ganz frisch aus dem Ofen. Wie nett von diesen Menschen. Das kennen wir nicht, einfach so unangekündigt mit irgendwelchen Fremden bei Verwandten auftauchen und bei denen übernachten. Oft muss man das vorab planen und dann klappt es doch nicht. Wir machen uns weiter auf den Weg nach Maraghe, wo wir wieder bei Verwandten von Milad schlafen werden. Auf dem Weg besuchen wir noch Milads Onkel in einem kleinen Dorf auf dem Land, ein paar Kilometer vor Maraghe. Mit seinem Onkel hat Milad nicht so ein gutes Verhältnis, dennoch besuchen wir ihn. Er arbeitet gerade an seinem Haus und hat viel zu tun. Er bietet uns kaltes Wasser, Tee und Pfirsiche aus dem Garten. Am frühen Nachmittag kommen wir dann in Maraghe in einer Wohnung bei einer Tante von Milad an. Die typischen Gespräche, diesmal relativ entspannt. Die alte Frau bietet uns an, bei ihr eine Dusche zu nehmen, oh das haben wir bitter nötig. Wir duschen alle und gehen dann in die Stadt, Milad kennt sich hier bestens aus und will uns was zeigen. Wir gehen zuerst zu einem Stausee und fahren etwas außerhalb der Stadt durch die kleinen Dörfer. Frauen waschen Klamotten und Teppiche in Fluss. Die Dörfer schauen deutlich ärmer aus und die Menschen leben als Selbstversorger.



Zum Schluss will uns Milad eine Seifenfabrik, die seinem Vater gehört, zeigen. Wir fahren dort hin, die Mitarbeiter haben Feierabend, wir spazieren aber einfach rein. Milad zeigt uns die Produktionsanlagen und erklärt uns den ganzen Prozess. Die Fabrik ist ganz interessant anzusehen. Dort im Hof steht ein alter Land Rover von seinem Onkel, den Milad und ich am liebsten gleich restaurieren und damit losfahren würden. Dann treffen wir einige Mitarbeiter, die den angrenzenden Weingarten pflegen und essen ein paar leckere Trauben. Alle kennen Milad und freuen sich über seinen Besuch. Alle versichern uns, dass es im Iran keine Terroristen gibt und dass Iran überhaupt nicht gefährlich ist. Sie wissen alle was über ihr Land berichtet wird, aber eins ist sicher, hätten wir alle negativen Berichte über den Iran geglaubt, wären wir jetzt nicht hier.



Schlafen auf dem Dach

Wir fahren zurück und bekommen leckeres Abendessen, Auch diesmal kommen viele andere Familienmitglieder und freuten sich alle über unseren Besuch. Was für ein Wahnsinn. Auch hier kann es Milad nicht lassen und eröffnet allen anderen anwesenden, dass wir gar nicht verheiratet sind. Manche schütteln den Kopf, mache zucken mit den Schultern und wieder andere nehmen uns in Schutz. Milad macht sich über die Reaktion der anderen lustig. Wir hätten lieber das Thema gewechselt. Als die Nacht naht, meint Milad, wir sollten doch lieber alle auf dem Dach schlafen, da ist es kühler und es ist viel schöner. Wow, was für eine gute Idee. Die Nacht bleibt uns in Erinnerung. Auf Decken schlafen wir direkt unter dem Sternenhimmel - ohne Zeltplane, ohne zudecken, einfach so. Das muss man mal erlebt haben!

"Allah u akbaaaar"... wir werden wieder mal von den Muezzin-Rufen geweckt. Die Sonne ist schon oben und in der Stadt ist viel los. Die anderen Familienmitglieder sind schon wach und kommen nach und nach hoch und jeder bringt was zum Essen mit. Jemand entfacht ein Feuer, ja ein Feuer auf dem Dach, und Tee wird zubereitet. Nach Vorschrift wird der Tee zuerst eingeschenkt in eine Tasse und dann wieder zurück geschüttet und das ganze drei mal, dann kann man es trinken. Wir frühstücken auf dem Dach und dann machen wir uns fertig für die Weiterfahrt und das ankommen bei Mr. Shirazi. Milad schüttelt den Kopf immer wieder, oh mein Gott, wie wenig Bock hat er.



Im Krankenhaus

Ein weiterer wichtiger Zwischenstopp in Maraghe steht an. Ich möchte Hamid, den Krankenpfleger, der sich damals um mich gekümmert hat und mit mir in Kontakt geblieben ist, besuchen. Er ist gerade in der Arbeit und wir können ihn besuchen, Milad fährt uns hin und kommt mit. Hamid freut sich sehr. Inzwischen hat sich viel getan, das Krankenhaus wurde renoviert und Hamid hat die Abteilung gewechselt. Stolz führt er uns durch seine Station und stellt uns seinen MitarbeiterInnen vor. Das Zimmer, wo ich war ist schon halb abgerissen, Wahnsinn, da werden Krankenhäuser renoviert und neue Abteilungen gebaut und in Deutschland und auch in meinem Heimatland Rumänien werden immer mehr Krankenhäuser geschlossen, weil sie "unwirtschaftlich" oder "unrentabel" sind, einfach nur Wahnsinn. Hamid will unbedingt dass wir ihn und seine Familie noch besuchen bevor wir Iran verlassen und ich muss ihm Versprechen dass wir ihn nicht vergessen. Das war die letzte Zwischenstation unseres Roadtrips. Wir fahren die letzten Kilometer.


Zurück in Malekan

Malekan - hier ist damals der Unfall passiert. Hier haben wir danach so viel Zeit verbracht. Wir bitten Milad, bei einer Bäckerei vorbeizufahren, dass wir noch als zusätzliches Gastgeschenk ein paar Leckereien mitbringen können und dann geht es in die enge, bekannte Gasse. Wir klingeln, Hussein kommt uns entgegen. Wir betreten die Wohnung, ich zum ersten Mal auf eigenen Beinen. Wir freuen uns die Familie zu sehen, Milad gar nicht, denn seine und Shirazis politischen und religiösen Ansichten gehen zu sehr auseinander. Wir trinken gemeinsam Tee und essen von den Leckereien, die wir gekauft haben, aber auch von den Leckereien die Azize für uns vorbereitet hat. Shirazi und Milad unterhalten sich ganz normal über alltägliche Dinge und die Stimmung scheint locker zu sein. Milad erwartet seine Familie aus Teheran, denn die haben sich am Morgen ebenfalls auf dem Weg gemacht und werden heute Abend oder in der Nacht in Malekan eintreffen. Iraner sind doch viel unterwegs, man glaubt es gar nicht. Zur Feier des Tages möchte Shirazi mit uns allen Essen gehen.



Essen gehen mit Shirazi

Es scheint ein ziemlich luxuriöses Restaurant zu sein, alles edel dekoriert und es ist gut besucht. Einwegbecher - die werden als hygienischer angesehen und bevorzugt. Wir haben keine Ahnung, was wir essen sollen, ist aber auch egal, denn Shirazi bestellt für die ganze Familie. Obwohl Susi mehrmals betont, dass es für sie ok ist, Reis und Salat zu essen, besteht Shirazi darauf, mit Hussein eine "vegetarische" Pizza aus einem anderen Restaurant zu holen (die war nicht vegetarisch, was Susi nicht so prickelnd fand). Es wird mächtig aufgetischt - Kebab, Reis, Fladenbrot, Salat, richtig viel und richtig lecker. Milad ist genervt, weil er darin nur Protzerei sieht. Er hat mit uns nur einfache Restaurants aufgesucht oder es vorgezogen bei Verwandten zu essen. Wir (vor allem ich) genießen einfach das leckere Essen.


Milad ist weg

Die Nacht ist nicht so prickelnd. Es ist unglaublich heiß, was im Zelt und draußen auf dem Dach aushaltbar war, in der Wohnung ohne Klimaanlage allerdings nicht. Vor allem Susi geht es nach der nicht ganz so vegetarischen Mahlzeit schlecht. Als wir im Mai da waren, war es abends und nachts kalt. Jetzt im August war trotz geöffneten Türen und Fenstern kaum ans Schlafen zu denken. Azize hat uns deren Schlafzimmer und das Große Bett für uns vorbereitet aber wir konnten es nicht annehmen, außerdem wollten wir genauso wie die Iraner machen wenn es heiß ist, nämlich auf dem Boden schlafen. Am nächsten Morgen ist Milad, noch bevor wir aufstehen verschwunden. Er hat es nicht mehr ausgehalten. Und schon wieder konnten wir die Geldsache diesmal mit Milad nicht gescheit klären! (Das haben wir dann später in Deutschland über Ayoub gemacht.) Aber da war noch die Sache mit den Motorrädern, Milad fährt ebenfalls Motorrad und war sehr interessiert an unseren Motorrädern. Er versprach uns, zu Hamid mit zu kommen wo die Motorräder untergebracht waren sie zumindest zu sehen und eventuell eine kleine Probefahrt damit zu fahren.


Milad fährt die Husqvarna Probe

Wir fragen Shirazi warum Milad gegangen ist und er meinte er kommt bald wieder denn seine Familie ist in Malekan eingetroffen und haben sich zu Besuch angekündigt. Tatsächlich kommt später Milad, seine Muter, sein Vater und seine Geschwister. Alle kennen sich gut, ich habe ja erzählt dass Milad und seine Familie aus Malekan stammt und Shirazi aus der Schulzeit kennen. Durch den Unfall haben wir Shirazi kennengelernt, durch Shirazi haben wir Ayoub aus Deutschland kennengelernt und durch Ayoub haben wir Milad und seine Familie kennengelernt. Wunderbare Geschichte, nicht wahr? Nach dem Besuch von MiladsFamilie, steht ein Besuch bei Hamid an, Milad kommt mit. Lange nicht gesehen! Hamid, Shirazis junger Mitarbeiter öffnet ein Tor und tatsächlich stehen dort unsere Motorräder. Ein Grinsen breitet sich aus. Wir stecken die Schlüssel in den Kontakt (die waren auch bei Shirazi), drehen sie, drücken den E-Starter, Brummm... Oh, wie ich das Geräusch vermisst habe! Milad inspiziert sie ganz genau. So große Motorräder hat er noch nie gesehen. Irgendwie versteht er nicht warum ein so großer Motor doch nur 170Kmh schnell fahren kann. Es fällt mir schwer ihm klar zu machen, dass es eine Reiseenduro ist. Er macht eine kleine Runde und ist beeindruckt, er will jetzt auch so ein Motorrad. Wie gern würde ich ihm dabei helfen sich so einen Traum zu verwirklichen.


Besuch bei Hamid

Aber zurück zu Hamid. Mit ihm waren wir auch in Kontakt und freute sich sehr über unsere Besuch. Letztes mal haben wir bei seiner Familie mit Dr. Najad gegessen und die letzten Einzelheiten vor unseren Abflug nach Deutschland besprochen. Diesmal ist es viel wärmer, als beim letzten Besuch und wir essen gemeinsam Wassermelone draußen auf Picknickdecken im Schatten. Auf iranische Art natürlich. Das heißt: Auf dem Boden im Schneidersitz. Zu zweit bekommt man eine Melonenhälfte und zwei Löffel. Eigentlich super - das machen wir manchmal auch in Deutschland noch so, wenn die Melone nicht zu groß ist. Die Motorräder bleiben aber bei Hamid bis wir soweit sind um los zu fahren.



Ausflug mit Shirazi

Ein Tagesausflug steht an. Wir fahren zum Urumieh-See, den wir bereits mit den Motorrädern vor dem Unfall gesehen haben. Vor allem Hussein freut sich, da ihm ein Bad im See versprochen wird. Wir fahren relativ spät nach dem Frühstück los und machen eine längere Mittagspause in einem Park in der Stadt Urmia, das ist genau auf die andere Seite des Sees. Azize breitet die Picknickdecken im Schatten aus, Shirazi holt in der Stadt was leckeres zu essen. Susi kriegt eine leckere Pizza und wir super leckeren Kebab mit Reis. Mhh das war gut, wir sind glaube ich danach alle eingenickt. Nach der Pause fahren wir über die Brücke, die den See in zweit Teile teilt, über die wir auch mit den Motorrädern damals gefahren sind. Als wir einen Badestrand erreichen, ist es schon Abend. Eigentlich will Shirazi nicht mehr baden, aber Hussein besteht drauf, also geht es in voller Bekleidung in den extrem salzigen See. Wir beobachten lieber nur. Der Tag vergeht schnell, hier ein Eis, da was essen, hier um Spielzeug betteln, dort nochmal heulen (Yasin - 3,5 Jahre). Damals ahnen wir schon, wie anstrengend das Reisen mit Kind sein kann, ich muss wieder erwähnen das Yassin über eine unendliche Energiequelle zu verfügen scheint.


Besuch auf dem Land

Schon als mein Bein noch in der Schiene war, besuchte uns mehrmals Azizes Bruder der mit seine Familie auf dem Land als Selbstversorger leben. Natürlich sind wir jetzt dort eingeladen. Da wir morgen früh los fahren möchten, fahren wir bei Hamid vorbei um die Motorräder abzuholen. Hoffentlich klappt das mit dem Fahren gut. Hussein will unbedingt bei mir mitfahren und hüpft unangekündigt mit viel Schwung bei mir hinten drauf, so dass ich mein Bein ziemlich belasten muss, um die Maschine gerade zu halten. Puh, Test bestanden, würde ich sagen. Wir fahren los, der Puls ist hoch, wir müssen etwa 15Km fahren, Shirazi fährt voraus. Die Fahrt verläuft gut nur etwas Druckluft fehlt in den Reifen. Wir kommen in einem kleinen Dorf an und die Familie von Azizes Bruder erwartet uns. Alle freuen sich über unsere Ankunft, vor allem die jüngeren über die Motorräder und die Frauen dass sie eben Susi gesehen haben wie sie selbstbewusst Motorrad fährt. Das selbst ist ein Highlight. Die Familie ist groß und der Weingarten ist riesig. Inzwischen sind die Trauben Reif. Die ganze Region ist berühmt für diese Frucht, in Malekan gibt es sogar einen ihr gewidmeten Platz mit Monument. "Was macht ihr mit so vielen Trauben?", frage ich. "Wir essen sie natürlich.", kommt als Antwort. Kein Wort von Wein, das ist haram und staatlich verboten. Ich hake nicht weiter nach. Abends gehen wir ins Haus und es wird Essen aufgetischt, auf dem Boden natürlich. Es waren viele Menschen da, mehrere Generationen, die Familien im Iran sind groß und halten immer zusammen. Großartig diese Gastfreundschaft, habe ich es schon mal betont? Bevor wir im Dunkeln zurück nach Malekan fahren, darf der größeren Sohn der Familie ein Probefahrt mit meiner Husqvarna machen. Ich hoffe es wird ihm lange in Erinnerung bleiben, zumindest kann er jetzt im Dorf ein bisschen angeben. Es ist schön hier auf dem Land und doch fiebern wir unserer Motorradreise-Fortsetzung entgegen.



Es geht los

Die Motorräder haben wir gestern Abend in einen Innenhof gegenüber von Shirazis Haus beim Nachbarn geparkt. In der Früh machen wir uns dran, das ganze Gepäck, was unter der Treppe verstaut war, auszusortieren, und an seinen Platz in die Koffer oder in die Taschen zu verstauen. Die Räder habe ich aufgepumpt, Öl kontrolliert, alles war an seinem Platz, wir können los. Wann werden wir uns wieder sehen? Keine Ahnung. Natürlich betont die Familie, dass wir doch noch länger bleiben sollen, aber es zieht uns wirklich auf die Motorräder und raus aus dem Iran. Wir haben die Zeit hier sehr genossen und durch den Unfall unglaublich viel über Land und Leute gelernt, aber irgendwann mal, reicht das auch und Susi hat das Kopftuch und Taarof auch langsam satt. Es wäre schön, wenn die Familie zu uns nach Deutschland käme, wir überlegen schon, wohin wir sie bringen würden, was wir ihnen zeigen würden und was wir kochen würden aber wir könnten das Level an Gastfreundschaft, wie wir sie im Iran erfahren haben, nie erreichen. In unserer 2-Zimmerwohnung müsste die ganze Familie in einem Zimmer schlafen und wir passen nicht mal alle ins Auto (ohne Strafe zu riskieren). Mal schauen, was die Zukunft bringt, ich bin sicher, dass wir uns irgendwann mal wieder sehen werden. Jetzt wollen wir aber weg. Rauf auf die Motorräder. Nach dem Frühstück folgt der Abschied, wir schießen die letzten Bilder zusammen und düsen dann schon um die Ecke.



Besuch bei Hamid

Shirazi fährt voraus, wir fahren außerhalb von Malekan bis zu einen Parkplatz, dort wartet Hamid schon. Auch Shirazi lernt durch unseren Unfall andere Menschen kennen. Unerwartet kommt ein Verkäufer von einem kleinen Laden in der Nähe, der uns bemerkt hat und schenkt uns allen, Flaschen mit kaltem Wasser und Fruchtsaft. Na das kann man sich in Deutschland ganz gut vorstellen. Wir verabschiedeteten zum letzten mal von Shirazi und düsen los. Hamid fährt diesmal voraus. Hamid, der Krankenpfleger, der mich am Tag nach seiner Hochzeit im Krankenhaus besucht hat, bestand ebenfalls darauf, dass wir ihn besuchen. Sein Dorf liegt auf dem Weg nach Täbris, also nehmen wir die Einladung an. Er lebt mit seiner Frau und seinen Eltern auf dem Land und sie haben einen wirklich schönen großen Garten abseits, durch den uns sein Vater stolz führt und die Früchte zeigt. Mit Hamid können wir uns super unterhalten, denn er spricht sehr gut Englisch. Wir fahren dann zum Haus ins Ortszentrum und trinken dort einen Tee. Für das Mittagsessen muss er noch ein bisschen was besorgen und so fährt er mit uns zu einem Ort wo ganz viel Grünzeug angebaut wird und man sich selber pflücken und schneiden kann was man braucht.



Ich muss sagen, die Iraner achten schon sehr auf die Essensqualität, Hamid wusste wohl was Bio Qualität ist und generell achten die Iraner darauf, dass die Produkte lokal angebaut sind oder bauen sie selbst an. Um den Mittagszeit fahren wir zurück zum Garten, wo es dichten Schatten gibt und bereits viele anderen Familienmitglieder gekommen sind. Einige sprechen gut Englisch. Natürlich wollen sie unter anderem wissen, was wir in Deutschland verdienen. Schwierige Frage, in Deutschland würde man sagen, das geht euch nichts an, aber im Iran ist das durchaus ein heiß diskutiertes Thema. Wir probieren mit ausweichende Antworten und lenken das Gesprächsthema auf alltägliche Probleme der Iraner. Auch Hamid seine Familie bestätigt uns dass in der Zeit des Schachs in Iran viel besser war als jetzt, zumindest sagen das der Hamid sein Vater und sein Onkel die das erlebt haben. Hamid und seine Frau müssen beide zwei Jobs haben, um über die Runden zu kommen und etwas zu sparen. Wir fragen auch, was macht ihr mit so viel Trauben? Wir essen die alle. Was, Wein? Neein, ist verboten. Aber Hamids Vater deutet seinem Enkel der Englisch spricht, er solle mir übersetzten, "sag dem Deutschen, wenn er aber Wein möchte, kann ich ihm welchen besorgen, kein Problem". Alle sind sehr nett und es kommen immer mehr, uns werden so viele Menschen vorgestellt dass wir uns die teilweise komplizierten Namen nicht merken können. Dann wird draußen aufgetischt, ich bekomme Kebab und Susi bekommt ein super leckeres vegetarisches Gericht. Ein anderer Kollege von Hamid, der mich auch behandelt hat meldet sich und möchte dass wir ihn auch besuchen, er erwartet uns schon und Hamid versucht uns zu überreden, noch ein Tag bei ihm zu bleiben. Unglaublich die Iranische Gastfreundschaft, habe ich das schon gesagt? Doch wir bleiben stur. Wir bedanken uns bei Hamids Eltern, verabschieden uns von allen, machen viele Fotos und düsen los. Die Zeit drängt allerdings, wir wollen nicht zu spät in Täbris ankommen, weil wir noch ein Hotel finden müssen. Susi hat nach dem Unfall etwas Angst vor dem iranischen Verkehr und ich weiß nicht wie lange ich wegen meiner Thrombose auf dem Moped sitzen kann. Bis heute sind wir noch mit Hamid in Kontakt, mittlerweile ist Hamids Vater leider gestorben aber auch er und seine Frau haben inzwischen einen etwas älteren Sohn als wir.



Letzte Nacht in Täbris

Die Fahrt nach Täbris war anstrengend, besonders nachdem es dunkel wurde. Wir mussten tanken, haben uns verfahren und irgendwelche verrückten Iraner fuhren mit dem Auto ewig neben uns oder vor uns, machten irgendwelche Zeichen und wollten dass wir denen folgen. Na ganz sicher machen wir das. Das Hotel, in dem wir letztes mal waren ist geschlossen, Kein Problem meine ich, denn auf diese Straße gibt es ganz viele. Ich checke alle Hotels nacheinander, ausgebucht, geschlossen, kein Garage, oder einer fand tatsächlich den Schlüssel vom freien Zimmer nicht, auch Luxus Hotels waren dabei, nichts. Zwölf Hotels habe ich bereits gecheckt, langsam breitet sich Ratlosigkeit aus, oder Panik oder Wut, keine Ahnung, es ist sehr spät. Ich finde schließlich ein freies Zimmer für uns, verhandele über den Preis und hole Susi ab, die an anderen Ende der Straße schon ewig wartet. Unsere letzte Nacht in Täbris verbringen wir in dem einfachen Hotel. Es ist Mitternacht und wir fallen erschöpft in unsere Betten. Wir sind froh, endlich wieder nur zu zweit zu sein, auch wenn wir sehr dankbar für die vielen Begegnungen und die herzlichen Menschen sind. Jetzt freuen wir uns einfach nur, wieder so zu fahren, wie vor dem Unfall. Die Reise ist doch nicht vorbei. Was für ein Gefühl? Wer hätte das gedacht als mein Bein frisch operiert war, dass ich bald wieder auf dem Moped sitzen werde? Die Strecke von Täbris über Jolfa bis zur Grenze vergeht am nächsten Tag wie im Flug.



Tschüs Iran (Khoda Hafez)

Wir stehen an der Grenze und sind beide etwas aufgeregt. Wurden wir auf irgendeine schwarze Liste gesetzt? Wird unser Carnet gestempelt werden? Müssen wir eine Strafe zahlen, weil die Motorräder so lange, ohne uns im Land waren?

Wie so oft im Leben, erleben wir die schlimmsten Szenarien - in unseren Gedanken. Denn die Ausreise funktionierte genauso reibungslos, wie die Einreise vor einigen Monaten. Eins ist uns aber beim Verlassen des Landes klar: Es ist nicht das letzte Mal im Iran - mit dir haben wir noch eine Rechnung offen!


Danke fürs vorbei schauen. In meinen nächsten Beitrag werdet ihr erfahren wie unsere Reise weiter geht. Es folgen auf jeden Fall spannende Geschichte. Bleib dabei und machts gut.


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