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#04 ...und dann passierte es!

Aktualisiert: 19. März 2023



Iran

Empfang mit Bier?

Es ist Zeit für Susis Schal zum Kopftuch umfunktioniert zu werden. Auch für mich ein ungewohnter Anblick aber es stört sie nicht großartig. Zeit hatten wir ja genug um uns an diesen Gedanken zu gewöhnen. Wir haben alle Dokumente parat und werden von den Beamten ziemlich freundlich empfangen. Es ist nicht viel los, einige LKW aber sonst keine anderen Touristen. Wir müssen an mehrere Schalter und Häuschen, oft wird nur kontrolliert, ob wir uns an die richtige Reihenfolge halten. Bei jeder Kontrolle werden wir nach unserem Beruf, ob wir verheiratet sind und ob wir Kinder haben gefragt. Nach der ersten Passkontrolle finden wir leere Bierflaschen auf unseren Motorrädern deponiert - da hat wohl jemand noch seinen Alkoholvorrat aufgebraucht, denn hinter der Grenze ist dieser absolut tabu. Wir nehmen es gelassen, entsorgen diese und fahren zur nächsten Kontrolle, wo die Zollformalitäten erledigt werden. Davor hatten wir Schiss, denn wir haben ja wilde Geschichten gehört, dass die Beamten keine Ahnung vom CDP (Carnet de Passage - ein in manchen Ländern erforderliches Dokument für die Fahrzeugeinfuhr) haben und dass sie wild mit dem Stempel über das teure Dokument wüten aber eben nicht da wo der Stempel sein sollte.


Unauffällig durchfragt

In der Customs Halle waren etwa 15 Schalter. Wir haben keine Ahnung wo wir hin müssen. Ein junger Mann stellte sich uns als Geschäftsmann vor, sprach super Englisch und fragte ob, er uns helfen könne. Wir erklärten ihm, was wir grade vor haben. Er kannte sich anscheinend gut damit aus, erklärte uns genau zu welchem Schalter wir hin müssen und welche Seiten des Carnets wir kopieren müssen und zu unserer Überraschung gab er den Grenzbeamten, die nicht Englisch konnten, genaue Anweisungen wie sie das Carnet auszufüllen haben und diese nahmen die Anweisungen dankend an. Offenbar haben sie nicht jeden Tag damit zu tun. Da wir die einzigen Ausländer waren, gab es ein bisschen Aufregung zwischen den Beamten und alle kamen vorbei um über die Schulter des Grenzbeamten, der unsere Dokumenten bearbeiten durfte, zu schauen. Außerdem gab der junge Geschäftsmann uns noch Tipps was wir im Iran besuchen müssen und fragte uns über unser Vorhaben Löcher in den Bauch. Das ganze dauerte etwas und wir unterhielten uns lange. Wir vermuten jedoch, dass dieser junge Mann kein normaler Geschäftsmann war, vielleicht Grenzschutz oder Geheimdienst, zu gut kannte er sich damit aus und sprach selbstbewusst die Grenzbeamten an, aber Hauptsache wir bekamen, was wir wollten, nämlich unsere Carnets de Passage, die zu unserer Überraschung richtig gestempelt wurden. Beim letzten Check werden wir (nicht zum letzten Mal) mit "Welcome to Iran" begrüßt.



Geschafft, was für ein Wahnsinn!?

Wir versuchen noch eine Versicherung für unsere Motorräder zu bekommen, was hier aber unmöglich erscheint, da das Versicherungsbüro geschlossen ist, also verschieben wir das Vorhaben auf die nächste Stadt, immerhin konnten wir die armenische Währung an der Wechselbude in die Iranische Währung (Rial) umtauschen. Das war schonmal was.

Auf dem Weg dorthin machen wir eine kurze Pause um die ersten Bilder zu schießen und uns zu stärken. Wir können es gar nicht fassen, dass wir es bis in den Iran geschafft haben und eine intensive Vorfreude auf das absolute Highlight unserer Reise breitet sich in uns aus. Wie lange haben wir auf diesen Moment hin gefiebert? Jetzt sind wir da. Unglaublich. Die erste Stadt nach der Grenze ist Jolfa. Dort finden wir ein einfaches Hotel für 6,50€, parken die Motorräder draußen vor dem Hotel und werden vor dem betreten des Zimmers darauf hingewiesen, dass wir die Stiefel vorher ausziehen müssen (Das kennen wir schon teilweise aus der Türkei). In der Stadt müssen wir uns um einiges kümmern. Susi braucht noch Iran-konforme Kleidung, wir müssen Geld wechseln (abheben funktioniert hier nicht) und etwas essen. Nach den ersten beiden Punkten werden wir mit "Taarof" konfrontiert. Das sind ungeschriebene Höflichkeitsregeln, wo man einige Male hin und her "diskutieren" muss, ohne dass es jemand ernst meint. So besteht der Restaurantbesitzer dreimal darauf, dass wir als seine Gäste nicht zahlen müssen und nimmt nach dreimal Protest unsererseits das Geld an. Das iranische Kebab war klasse, mhmm :) Dann schlenderten wir ein bisschen durch den Basar von Jolfa und auf dem Hauptplatz. Unzählige Male hören wir "where are you from", oder "Welcome to Iran". Einmal kommt auf unser "from Germany" ein korrektes "Hallo, wie geht es Ihnen?" zurück. Der Mann war Verkäufer auf dem Markt und verkaufte gekochte Kartoffeln und Eiern, die man mit Fladenbrot und Grünzeug schnell mitnehmen kann (Iranisches Fast Food). Er sagte in nahezu perfektem Deutsch, "Ich heiße Nuri, Ich spreche nur ein bisschen Deutsch" Ein Dialog entsteht:

"Oh, das ist schön, Sie sprechen super Deutsch, wo haben sie es gelernt?"

"Hallo, wie geht es ihnen? Ich heiße Nuri, ich spreche nur ein bisschen Deutsch".

"Ok, und wo haben sie Deutsch gelernt?"

"Ich verkaufe Kartoffeln und Eiern, ich spreche nur ein bisschen Deutsch, möchten sie Tee?"

Naja, sagen wir so ein halber Dialog.

Das war nämlich so ziemlich alles was Nuri konnte, immer die gleichen Sätze, aber immerhin nahezu perfekt auswendig gelernt. Wie bei einem kaputten Tonband wiederholte er immer die gleichen Sätze. In der Stadt war schon etwas los, wir gingen aber nicht zu weit vom Zentrum weg und als wir fast alles erledigt hatten, gingen wir ins Hotel zurück. Eine Versicherung war nicht möglich zu bekommen. Im Iran sind Versicherungen nicht so verbreitet und KFZ oder sogar Motorrad Versicherungen kennen die Iraner nicht. Wir werden es in Täbris nochmal versuchen.



Alles neu سلام (Hallo)

Im Iran müssen wir uns nicht nur an die neuen Kleidungsregeln und dieses höflichkeits-Taarof gewöhnen, sondern auch an den chaotischen Verkehr und dass Tourismus hier fast umgekehrt zu funktionieren scheint. Oft werden wir als Attraktion gesehen (ich weiß nicht ob das an den Motorrädern liegt oder einfach weil wir Ausländer sind) und müssen für Selfies und Gruppenfotos bereitstehen und lächeln. Manchmal versuchen Iraner uns anzuhalten oder geben uns zu verstehen, dass wir ihnen folgen sollen. Viele Autofahrer wollen als Taxi was dazuverdienen und hupen kurz im vorbei fahren um zu checken ob man irgendwohin gefahren werden möchte. Wenn das den ganzen Tag über so geht, kann es manchmal anstrengend sein - schließlich wollen wir auch mal einfach nur fahren oder spazieren. Auch die Sache mit dem Geld ist kompliziert im Iran. Nachdem wir nicht einfach mit unserer Kreditkarte am Geldautomaten was abheben können und zu Wechselbuden müssen (wegen Sanktionen sind die Iraner von dem Zahlungssystem ausgeschlossen), müssen wir auch noch andauernd zwischen Rial (der offiziellen Währung) und Tuman (der benutzten Währung mit einigen Nullen weniger) umherrechnen und mit diesen wahnsinnig hohen Millionenbeträgen zurechtkommen. Damals war ein Euro ca. 50.000 Rial und heute sind es immerhin noch fast 46.000. Einerseits ist es für uns als Touristen also relativ kompliziert, andererseits haben sich die Iraner mit den Beträgen abgefunden und sie können wirklich überall, die kleinsten Beträge mit deren iranischer Karte zahlen. Dazu reicht man dem Verkäufer die Iranische Karte, nennt ihm den PIN und bekommt Ware und Rechnung gereicht. So viel Vertrauen!



Dann ist da noch die Sache mit den Toiletten. Wenn man durch die Türkei anreist, hat man diese wahrscheinlich schon kennengelernt: Ein "Porzellanloch" im Boden und ein Schlauch, der Toilettenpapier und Klospülung ersetzt.

Auch das Alltagsleben ist so verschieden. Bei einem Spaziergang im Park müssen wir brav nebeneinander oder hintereinander herlaufen - Händchenhalten oder Küssen würde von der SEPAH, der Sittenpolizei sanktioniert werden. Auch wenn die Strafe für uns wahrscheinlich milder ausfallen würde als für Iraner, wollen wir nicht auffallen, und schon gar nicht negativ. Parks sind übrigens unglaublich beliebt. Iraner nutzen diese für Picknicks, zum Tee trinken aber auch um dort zu zelten (was völlig erlaubt ist). Da sich das Leben aufgrund der Hitze eher in den Abend- und Nachtstunden abspielt, sind die Parks ab Sonnenuntergang wie mit Decken asphaltiert - einfach überall sind Familien und Gruppen am Abendessen. Es wird gebraten, geschnitten, geredet und Musik gehört. Meist sind auch in den Familien dabei die Männer und Frauen in separaten Grüppchen getrennt.



Auf den Märkten fällt uns auf, dass die Angst vor Diebstahl sehr gering zu sein scheint. Wenn diese geschlossen sind, wird die Ware einfach mit einer Plane abgedeckt.

Und dann ist da noch der oben genannte Verkehr. Man muss das Fahrspuren-Denken völlig hinter sich lassen. Die Straße wird einfach in ihrer vollen Breite und Länge genutzt. Iraner haben ein Talent dafür, aus einer dreispurigen Straße eine sechsspurige zu machen. Die Hupe wird nicht sparsam genutzt und Vorfahrtsregeln sind weniger obligatorisch als Taarof. Wir konnten schon von anderen Reisenden hören: Die Iraner sind unglaublich liebenswerte Menschen - aber am Steuer verwandeln sie sich zu Monstern. Ganz so schlimm nehmen wir es dann doch nicht wahr. Wir fangen sogar an zu denken, dass wir uns gerade daran gewöhnt haben.



Der Erste Tag in Iran

Am nächsten Tag wollen wir gleich nach Täbris fahren und checken aus unserem Hotel aus ohne zu frühstücken. Wir haben nicht verstanden, was sie gesagt haben als wir nach Frühstück gefragt haben. Entweder dass es keins gibt, dass es noch dauert oder dass wir es vorher hätten sagen müssen - keine Ahnung wie es hier so gehandhabt wird und Englisch konnten sie nicht. Das müssen wir noch lernen. Wir fahren raus aus der Stadt und wundern uns über die unzähligen Speed Bumpers, die es überall gibt. Wir gehen zum ersten Mal tanken - schauen wir mal wie das klappt und was es kostet. An der Tankstelle werden wir von einem Mitarbeiter bedient, natürlich wurden wir von allen Mitarbeitern und anwesenden Kunden gefragt, woher wir kommen. Ein Iraner sprach etwas besser Englisch und unterhielt sich mit uns. Er meinte irgendwann, er kenne jemanden, der Deutsch spricht, holte sein Telefon raus und ruft diesen an und reicht mir das Telefon. Ich sage, "Hallo", dann höre ich: "Guten Tag, ich heiße Nuri, ich spreche nur ein bisschen Deutsch, wie geht es ihnen?" Das war echt lustig.



Erster Tag, erstes Geschenk

Nachdem wir für etwa 4€ beide Motorräder vollgetankt haben, fahren wir weiter und weil am Wegesrand überall Melone verkauft wurde, entschieden wir uns eine zu kaufen und gleich zu essen. Das war gar nicht so einfach wie es klingt, denn der Verkäufer nahm das Geld nicht an, wir lassen natürlich nicht locker und möchten die Melone bezahlen, schließlich sitzt der Mann den ganzen Tag in der Sonne und möchte Abends etwas Geld nach Hause bringen. Aber er nannte uns nicht mal den Preis und zeigte uns auf der gegenüberliegenden Seite einen Park wo wir die Melone genießen können. Wir bedanken uns hundert mal und kosteten gleich die Melone, die ausgezeichnet schmeckte.


Viel Verkehr

Die Straße nach Täbris war nicht sonderlich spektakulär, wir fuhren zwar an Berge entlang aber die Landschaft wurde immer flacher als wir uns Täbris näherten. Uns fiel auf, dass in der entgegengesetzten Richtung viel Verkehr herrschte, lange Autokolonnen die nicht mehr aufzuhören schienen, in die Richtung in die wir fuhren war kaum Verkehr. Viel später erfuhren wir dass Jolfa zu einer Sonderwirtschaftzone gehört, wo die Ware ohne Zoll importiert werden kann. Viele fahren dort hin zum Einkaufen, daher die Autokolonnen. An den Checkpoints beim Verlassen der Zone sorgen Zollbeamte dafür, dass die Leute mit dem Einkauf nicht übertreiben.



Täbris

Als nächstes gilt es, ganz altmodisch nach einem Hotel Ausschau zu halten. Das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen: Wir sind ohne Internet, ohne I-Overlander oder MapsMe und sonstige Apps in eine so große und quirlige Stadt, wie Täbris einfach reingefahren und haben auf gut Glück irgendwo nach einem Hotel geschaut. Wir fuhren bis in die Stadtmitte der Millionenmetropole, es war zwar viel Verkehr aber kein Chaos, die mehrspurigen Straßen waren modern ausgestattet und die Verkehrsregeln wurden ganz gut befolgt. Wir kamen gut voran und hielten auf einer Straße an, wo unser Navi mehrere Hotels anzeigte. Ich ging zuerst in das Hotel Sinai und fragte nach eine Zimmerpreis. Das Hotel schien luxuriös zu sein und ich hatte im Vorhinein nicht viel Hoffnung. Der Preis war tatsächlich zu hoch, ich versuchte zu verhandeln aber schließlich lehnte ich ab mit dem Vorwand dass sie keine Garage für unsere Motorräder hätten. Das nächste Hotel daneben war genauso teuer. Wir fuhren weiter und nach der Kreuzung gleich um die Ecke sah ich ein kleines unscheinbares Hotelschild. Ich hielt an um nachzufragen und weil ich keine Hofeingang sah, machte ich mir keine große Hoffnung, dass sie einen Garage haben. Ein älteren Herr zeigte sich bereit uns einen Preisnachlass zu geben und zeigte uns seinen Innenhof und wie wir diese von hinten finden. Das war perfekt, zwar sehr einfach, aber mit ein sicherem Parkplatz für die Motorräder und mitten in der Stadt.


Der Historischer Bazar von Täbris

Am Nachmittag ließen wir uns vom historischen Basar faszinieren. Dieser Bazar stammt aus der Zeit der Seidenstraße und auch heute werden Waren aus Fernosten hier angeboten. Es war genau wie man es sich vorstellt. Überall bunte Haufen von Gewürzen - das Bild kann man riechen! Es gibt nichts, was es dort nicht gibt. Wir machten unauffällig einige Bilder und kauften uns einige Leckereien und Kleinigkeiten und wurden oft mit "Were are you from?" angesprochen. Der Basar von Täbris ist mit einer Fläche von 1 Million Quadratmetern das flächenmäßig größte historische Bauwerk im Iran und der größte überdachte Handelsplatz in der Welt. Die Bögen und Kuppeln an den Decken des Gebäudes gehören zu den Meisterwerken iranischer Architektur. Dieser Komplex aus kilometerlangen Korridoren ist eine eigene Stadt in sich, es gibt alle möglichen Waren, Schneider, Schuster, Kupferschmied, Teppichhändler oder Schmuckhändler, Restaurants, Banken und Moschehen, jedes Handwerk erhält seinen eigenen Kleinbasar oder seine Abteilung. Wobei die handgeknüpften iranischen Teppiche das Aushängeschild eines jeden Basars in Iran sind. Die Teppichhändler zählen zu den wohlhabendsten Händlern im Iran. Wie wir später sehen werden, sind diese Perserteppiche wirklich Meisterwerke.



Der letzte Tag im Reisetagebuch. Urmia-See

Der Urmia-See ist ein stark salzhaltiger See, der leider nur noch weniger als 10% seiner einstmaligen Größe hat. Er war mal der größte See in der ganzen Region des mittleren Ostens. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch sein Zustand verschlechtert, hauptsächlich aufgrund von Dürren und Übernutzung seiner Ressourcen. Während seine Fläche sich stätig verkleinert, wächst der Salzgehalt kontinuierlich. Der See war früher ein wichtiger See für die Fischindustrie und ein beliebtes Reiseziel für Touristen aufgrund seiner Schönheit. Es gibt aber Bemühungen, den See wiederzubeleben, einschließlich der Überwachung seiner Wasserqualität und der Förderung nachhaltiger Landnutzungspraktiken in der Region. Wir wollten heute die Reste des Sees sehen und eventuell bis nach Urmia-Stadt fahren. Die Straße war super gut, wenig Verkehr, die Landschaft baumlos aber immerhin grün und das Wetter war auch optimal, nicht zu kalt nicht zu heiß. Ein perfekter Reisetag. Das lag daran, dass wir Anfang Mai unterwegs waren, später wird es wesentlich heißer. Um dorthin zu gelangen, überqueren wir einen Teil des Sees auf einer Brücke, wo wir vom Maut-Personal einfach durchgewunken werden. Von der Straße sieht man den See kaum. Nur ein bisschen kann man das Wasser am Horizont erkennen. Der See ist sehr weit zurückgegangen. In der Stadt Urumie machen wir dann unsere erste Erfahrung mit Street-Food im Iran. An einer Straße stehen mehrere Verkäufer in Reih und Glied nebeneinander und bieten alle das Gleiche an: gekochte Kartoffeln und Eier mit Kräutern in einem Fladenbrot und Tee. Das freut besonders Susi, dass sie das angebotene einfach essen kann ohne "geht das bitte ohne Fleisch?", was sie fleißig auf allen Sprachen geübt hat. Auf der Rückfahrt vom See direkt nach der Brücke die der See in der Mitte durchquert, werden wir dann zum ersten Mal im Iran von der Polizei angehalten. Die ist hier sehr präsent, da wir nahe der Grenze zum Irak sind. Sie haben uns bestimmt auf deren Überwachung Kameras gesehen denn sonst fahren auf solche Hauptstraßen keine andere Mopeds und wollen aber nur sicherstellen dass mit uns alles in Ordnung ist und dass ich die Kamera ausschalte, aber die war schon aus. Einem war es besonders peinlich, dass er Susi am Arm berührt hat bevor ihm auffiel, dass sie eine Frau ist. Daran musste sie sich erst gewöhnen: alle begrüßen mich mit Handschlag und wollen mit mir reden, während sie mit einem Nicken links liegen gelassen wird (obwohl sie ja die Sprache gelernt hat) aber das wussten wir bereits.



Kandovan

Wir werden weiter gelassen und führen unseren Weg nach Kandovan fort. Das ist ein Höhlendorf, also in Felsen gehauenes Dorf mit ca. 1000 Einwohnern und erinnert uns mit den bizarren Steinformationen stark an Kappadokien. Die Menschen dort leben als Selbstversorger und betreiben Viehzucht, Ackerbau und Obstanbau. Es gibt mehrere Wasserquellen, die Heilwasser haben sollen. Als wir dort waren war der Ort gut besucht und überall waren Souvenirstände, Essenstände und andere sonstige Sachen zum Verkauf angeboten. Inwiefern die Dorfbewohner vom Touristenansturm profitieren, können wir leider nicht rausfinden. Da wir mit unseren Motorrädern die eindeutig exotischeren Touristen waren, wurden wir von allen bemerkt. Besonders Susi war die absolute Sensation, wenn die Menschen erkannten das sie eine Frau ist. Sobald wir anhielten und unseren Helme absetzten und Susi ganz ungeschickt ihr Harre zu bedecken versuchte, machten alle iranische Frauen große Augen und starrten uns mit geöffnetem Mund an. Die Iraner reisen auch gerne und wenn sie unterwegs sind dann sind sie mit anderen Familien zusammen unterwegs. Sobald uns ein Familienmitglied bemerkt, gibt er ganz schnell den anderen Bescheid, dass sie herschauen sollen. Das ist echt lustig. Es dauert nicht lange und zwei Autos halten neben uns an. Eine Großfamilie steigt aus und alle löchern uns mit Fragen. Es sind mehrere Generationen anwesend. Wie eben gesagt, können die älteren Iranischen Frauen einfach nicht glauben, dass eine so junge Frau Motorrad fährt und es überhaupt aus Deutschland bis in den Iran geschafft hat und Farsi spricht und sie küssen sie unzählige Male, geben ihr den Glückssegen und meinen schließlich, dass sie iranische Züge hat. (Bei mir meinen sowieso immer alle, dass ich aussehe, wie die Landsleute. Ich wurde schon für einen Türken, Armenier, Georgier, Iraner, Russen - ach einfach alles gehalten =))

Ich unterhalte mich mit den Männern über die Motorräder und unsere Route obwohl keiner so richtig Englisch kann und sie machen unzählige Bilder. Schließlich laden sie uns mehrmals zu sich nach Hause ein, aber weil sie eben nicht so richtig Englisch konnten und Susis Sprachkenntnissen doch begrenzt waren, konnten wir nicht richtig einschätzen ob sie es wirklich ernst meinen oder es sich nur wieder um übertriebene iranischen Höflichkeit (Taarof) handelte.



Letzte Nacht

Es wird schon Abend und wir entschließen uns dazu, Richtung Täbris zu fahren und ein Hotel auf dem Weg zu suchen. Wir werden fündig: ein sehr schönes und eigentlich etwas über unserem Buget. Das macht aber nichts - Im Iran verhandelt man immer und so bekommen wir ein Zimmer für einen sehr guten Preis aber nur nach dem sich der Besitzer persönlich eingeschaltet hat und uns zurück gepfiffen hat, denn ich war schon auf dem Motorrad um weiter zu fahren, der Preis war für uns zu hoch. Es klappt schließlich und wir staunen nicht schlecht über das "normale" Bad, weiße Bettwäsche und eine gefüllte Minibar, an der wir uns nach der Hitze gleich bedienen.


Die letzten Stunden vor dem Unfall

Am nächsten Morgen staunen wir über das riesige Angebot beim Frühstück und sehen tatsächlich zum ersten mal andere Touristen: junge Frauen mit Kapuze statt Kopftuch. Wir genießen das Frühstück sehr, hauen uns die Bäuche voll mit allen möglichen Leckereien, als gäbe es kein Morgen - als wüssten wir, dass es unser letztes Frühstück auf der Reise sein würde.

Beim Check-Out müssen wir dann noch kurz über das Rückgeld für das Getränk aus der Minibar diskutieren, aber mit dem Taschenrechner lässt sich die Rezeptionistin überzeugen, sie war gestern Abend schon genervt, dass ich den Preisnachlass den ich wollte doch glatt bekommen hatte.

Danach geht es endlich wieder los - unser letzter Tag auf zwei Rädern beginnt ohne dass wir das ahnen. Wir wollen jetzt etwas südlich fahren und der Thron des Salomon besuchen. Auch wieder nur eine Tagesetappe.


Der letzte Cay

Auf dem Weg sehen wir in einer Ortschaft viele Restaurants Seite an Seite, Mitarbeiter stehen am Straßenrand und wedeln mit der Menükarte oder geben einfach mit der Hand zu verstehen dass sie grade offen haben und dass das Essen warm ist und helfen gegebenenfalls beim Parken. Wie entschieden uns einen Cay zu trinken, so wie wir in Europa einen Kaffee trinken wenn wir eine schöne Terrasse finden. Als wir uns für ein Restaurant entscheiden, eilen alle Mitarbeiter raus und wollen unbedingt dass wir die Motorräder nicht auf dem Parkplatz vor dem Restaurant stehen lassen sondern auf dem Gehweg direkt vor dem Laden. Wir verstehen nicht warum das ganze, wahrscheinlich um anderen zu zeigen, dass sie besonderen Gäste haben. Wir dürfen im Restaurant entscheiden ob wir am Tisch oder auf einen Divan sitzen möchten. Auf jeden Fall hat unser "einfach kurz einen Cay trinken" für zu viel Aufregung gesorgt, denn schließlich geht man in einen Restaurant um zu essen, Cay trinkt man in einem Teehaus. Wir bekommen Tee und etwas Brot mit einem leckeren Dip. Beim Bezahlen ist es uns dann schließlich doch peinlich denn sie wollen uns wirklich keinen Preis nennen und kein Geld annehmen.



Die letzte Melone

Wir fahren wieder ein Stück weiter und möchten irgendwann eine Melone essen. Hoffentlich nehmen sie das Geld an, sonst kann ich nicht ruhigen Gewissens jeden Tag eine leckere Melone essen. Doch dieses mal haben wir Glück und nach mehrmaligem hin und her nimmt der Verkäufer das Geld an. Was für ein Wahnsinn sich um solche Probleme Gedanken zu machen. Woanders undenkbar oder eher andersherum - dass man nicht abgezockt wird. Wir essen die Melone in einem Park am Straßenrand. Wieder hält ein Auto mit einer iranischen Familie neben uns und möchte uns zum Picknick einladen. Da sie wieder kein Englisch können, wissen wir nicht so recht wie ernst sie die Einladung meinen, danken mehrmals, lehnen aber doch ab. Alle Iraner mit denen wir sprachen, freuten sich, dass wir ihr Land besuchen aber solche Einladungen sind wir wirklich nicht gewohnt. Eine Melone als Geschenk nehme ich gerne aber jeden Tag eine umsonst essen, kann ich nicht akzeptieren, das gleiche mit Einladungen zum Essen und so weiter. Wenn es so weiter geht trinke ich keinen Cay mehr und esse keine Melone mehr (Wenn ich dann nur schon gewusst hätte was kommt...).


Es kracht und scheppert

11:30 Uhr - Malekan (Nordiran): Wir fahren weiter durch irgendeine Ortschaft auf einer dreispurigen Straße mit ziemlich viel Verkehr. Nach einem Kreisverkehr teilt sich die Hauptstraße, ich schaue kurz aufs Navi und meine zu Susi durch das Interkom: "Oh wir müssen hier links", und fahre gleich links um eine Verkehrsinsel. Bevor man die Gegenfahrbahn überquert ist da eine Ampel, Susi meinte; "Es ist rot!" Ich habe den Ampel gar nicht gesehen, hab aber gecheckt dass wir da die Gegenfahrbahn überqueren müssen und es rot sein könnte, also haue ich eine Vollbremsung rein. Alles passierte so schnell, Susi war dicht hinter mir und dachte, dass es eh zu spät ist und ich doch noch drüber fahre. Ich hörte nur noch ein "Oh!" und gleichzeitig ein Schlag von hinten. Wir fahren normalerweise nie direkt hintereinander, sondern immer versetzt, ich fahre auf der linken Seite von der Fahrbahn und Susi eher rechts. Außerorts haben wir mehr Abstand zwischen uns und in Ortschaften je nach Verkehrslage weniger. Auf jeden Fall waren es mehrere Fehler, die wir beide in einem unpassenden Moment begangen haben. Zum einen haben wir die Navigation und Verkehrssituation nicht im Blick gehabt. Die Straße nach links, wohin unser Navi uns führen wollte, war nur eine Umgehungstraße, also nur eine Navi-Spinnerei und total unwichtig, die Ortschaft war nicht groß, wir hätten auch geradeaus fahren können. Ich habe die Verkehrssituation nicht überblickt, habe zu spät aufs Navi gekuckt, habe die rote Ampel übersehen und musste schließlich eine Vollbremsung machen. Zum anderen hat Susi die Situation ebenfalls nicht überblickt, hat sich knapp hinter mir eingereiht um mir zu folgen, hat den Abstand und das Versetzt-Fahren nicht beachtet und nicht gesehen, dass ich angehalten habe. Wir haben beide eindeutig das Vorausschauend fahren, die Abstandsregel und die Versetzt-Fahren-Regeln missachtet. Wer von uns beiden mehr Schuld am Unfall getragen hat, möchten wir nicht mehr diskutieren. Im Nachhinein sind Schuldzuweisungen überflüssig. Was geschehen ist, ist eben geschehen und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Das ist bis heute so geblieben.



Aua Aua

Ich liege auf dem Boden neben meinem Motorrad und habe höllische Schmerzen in meinem linken Bein unter dem Knie. Da die Schmerzen so intensiv waren, wie ich sie noch nie hatte, war mir sofort klar ,dass mein Bein gebrochen ist. "Nein, das kann nicht sein, das kann einfach nicht sein, Wir sind in Iran und mein Bein ist gebrochen, die Reise ist vorbei, das kann einfach nicht wahr sein." Susi war auf den Beinen neben mir, ich weiß nicht mehr was sie gesagt hat. Sofort kommen viele Leute und helfen mir ohne viel zu diskutieren aufzustehen und machen mir deutlich, ich solle mich in eine Auto setzen. Ich kann nicht laufen, mehrere Leute helfen mir und ich schaffe es mit großer Mühe mich in Auto zu setzten und mein gebrochenes Bein in einer Stellung zu halten, so dass sich die Knochen nicht bewegten, denn das war nicht auszuhalten. Susi blieb an der Unfallstelle, mein Motorrad lag auf der Seite, mein Helm, die Handschuhe, lagen alle auf dem Boden, in dem Moment war mir aber egal was mit den Sachen passiert. Mit dem Auto gings nicht ewig, wie man so das Gefühl hat sondern wirklich nur etwa 5 Minuten. Ich fragte den fremden Fahrer, wo das nächste Krankenhaus ist, er machte nur ein Handzeichen etwa, dass wir gleich da sind. Ich hatte nach wie vor höllischen Schmerzen im Bein und konnte kaum ruhig sitzen, zumindest schrie ich nicht. Wir fahren tatsächlich in einen Krankenhaushof rein und der Fahrer hält vor einer Tür an. Er hilft mir so gut er kann auszusteigen aber laufen kann ich nicht. Da er mich nur auf einer Seite stützen kann, muss ich mein gebrochenes Bein absetzten um vorwärts zu kommen aber das war mir doch zu viel, die Knochen bewegen sich oder reiben an der gebrochenen Stelle gegeneinander, sodass mir vor Schmerz der Atem wegbleibt. Was aus mir für Töne rauskommen, daran mag ich mich gar nicht mehr erinnern. Gleich am Eingang draußen steht ein Mann, der die Szene beobachtet kurz mit dem Mann redet, der mich stützte. Ich denke, er muss mir auch helfen denn ich brauche zwei Leute zum Laufen, sie geben mir zu verstehen dass sie gleich einen Rollstuhl organisieren werden. Gleich kommt jemand mit dem Rollstuhl und ich setzte mich erleichtert rein und halte mein Bein so gut es ging fest. Ich werde zur Anmeldung geschoben, inzwischen ist Susi auch angekommen und mir wird langsam schlecht und schwindelig, ich brauch unbedingt was zum trinken.


Bericht von Susi

Katastrophenmodus - ich stehe unter Schock und funktioniere nur noch. Samu ins Auto helfen. Leute da. Sachen am Boden. Das Auto mit Samu fährt weg. Es ist einfach unglaublich, wie das alles funktioniert hat. Leute stellen die Motorräder auf, Samus Motorrad hat keinen Kupplungshebel mehr. Ob sonst was kaputt ist, keine Ahnung. Ich soll einfach dem Typen, der Samus Motorrad ohne Kupplungshebel fährt, hinterherfahren. Und tatsächlich, wir kommen zu einem Krankenhaus. Und tatsächlich, die Leute haben alle Sachen mitgebracht - nichts fehlt. Doch. Der Helm. Als mir das auffällt holt ihn jemand. Ich sehe Samu, bin bei ihm. Er soll geröntgt werden, stöhnt vor Schmerz als er auf die Liege transferiert wird. Das kann alles nicht wahr sein.


Im Krankenhaus

Die Dame an der Anmeldung war nicht sonderlich beeindruckt und diskutiere mit den Leuten neben mir und meinte mehrmals zu mir, dass sie irgendeine Karte von mir braucht. Ich dachte dass sie sicherstellen möchte dass ich die Behandlung bezahlen kann und gebe ihr meine Kreditkarte. Sie war immer noch nicht zufrieden und diskutiert weiter mit den Leuten, die mich begleitet haben. Susi macht etwas Druck dass mir geholfen werden muss und dass wir später die bürokratischen Probleme regeln können. Mir geht es immer schlechter und ich muss einen Schluck Wasser trinken. Es geht dann endlich durch das Krankenhaus und ich muss auf eine Liege in einem Behandlungsraum, dort müssen die Stiefel und die Motorradhosen runter. Von dort muss ich auf eine mobile Liege und dann zum Röntgen auf die Liege und alles wieder zurück. Jedes mal bei jeder Bewegung spüre ich, wie sich die Knochen an der Bruchstelle bewegen, das war wie gesagt nicht auszuhalten, so einen Schmerz kann man sich nicht vorstellen. Die Leute, die mich hin und her schieben und mir helfen, fragen alle natürlich woher ich komme und entschuldigen sich, dass mir sowas schlimmes in ihrem Land passiert ist. Auf der Röntgenliege machen alle Behandler Selfies mit mir, Susi schimpft sie alle, was das soll. Alle sind jung und gut gelaunt und wollen mit mir über die Sozialen Medien in Kontakt bleiben. Zurück im Behandlungsraum wo auch andere Kranke sind, warte ich auf weitere Behandlung und ein Arzt soll bald vorbei schauen. Wenn mein Bein regungslos daliegt bemerke ich, dass die Schmerzen erträglich sind, nur nicht bewegen. Der Mann, der am Eingang stand als ich ankam, ist auch in den Behandlungsraum, hat ebenfalls eine Handbandage und spricht sehr selbstbewusst zum Personal. Ich denke, er sei Arzt und frage ihn. Er spricht kein Englisch, meint aber, er ist kein Arzt und stellt sich als Mr. Schirazi vor. Jemand reicht mir ein Telefon, eine Stimme fragt mich auf schlechtem Englisch was ist passiert und ob mir geholfen werden kann. Ich erzähle vom Unfall und dass mir grade geholfen wird. Auch Mr. Schirazi reicht mir sein Telefon und sagte ich soll mit seinem Freund Ayoub aus Deutschland reden. Ayoub sagt mir am Telefon dass er in Deutschland ist, dass Mister Schirazi sein Freund ist und er sich um mich kümmern wird und ich mir keine Sorgen machen muss. Auch er entschuldigt sich, dass mir sowas schlimmes in seinem Land passiert ist.


Der Arzt ist nicht da

Es heißt, dass ich operiert werden muss. Ich kann es einfach nicht glauben. Zwar war mir bewusst, dass das Bein gebrochen ist, dennoch kann ich es einfach nicht glauben, dass die Sache dermaßen eskaliert und ich im Iran operiert werden muss. Auf dem Röntgenbild ist eindeutig zu sehen dass beide Knochen, Tibia und Fibula (Schienenbein und Wadenbein) gebrochen sind und das wird operativ gerichtet, machten mir die Behandler deutlich. Die Situation, in der ich mich befinde kommt mir immer noch unglaublich vor. Einfach unglaublich. Grade eben war ich auf meinem Motorrad und ein paar Minuten später liege ich mit gebrochenem Bein im Krankenhaus. Es ging so schnell, ich weiß nicht mal warum mein Bein gebrochen ist. Grade eben war ich entspannt auf dem Moped und jetzt überstürzen sich die Ereignisse und mein Puls ist hoch. Ich soll eine Gipsschiene zur Stabilisierung bekommen und in ein anderes Krankenhaus in einer größeren Stadt transportiert werden, denn hier ist gerade kein Orthopäde im Haus. Ich wusste nicht mal wo wir waren (Malekan) und die Stadt, wo wir hinmüssen (Maraghe) , kann ich nicht mal aussprechen. Ich bekomme die Schiene und muss nur noch warten bis ein Krankentransport organisiert wird. In der Zeit fordere ich meine Kreditkarte und meinen Pass zurück. Dann geht es schon raus zum Krankenwagen, der mich und einen anderen Verletzten in eine größere Stadt transportieren soll. Susi war die ganze Zeit bei mir. Unsere Motorrädern und das ganze Gepäck sollen hier bleiben, wie es damit weitergeht, wohin die Mopeds kommen werden, was die Polizei damit machen wird, wer die Schlüssel hat, keine Ahnung, aber der Mr. Schirazi versprach uns zu helfen. Der Fahrer der mich ins Krankenhaus gebracht hat ist weg, ich habe ihn nie mehr gesehen.



Bericht von Susi

Die Leute spinnen doch! Samu hat Schmerzen und die machen Selfies mit ihm oder geben ihm andauernd irgendwelche Leute ans Handy, oder halten es mir hin. Ich bin völlig außer Fassung und hege den irrationalen Wunsch, dass die Leute jetzt doch einfach machen sollen, dass alles wieder gut ist! Ich bin aber auch unendlich dankbar, dass alles irgendwie funktioniert und Samu so schnell versorgt wird. Auch mir drückt Mister Shirazi das Handy ans Ohr und ich höre Ayoubs Stimme, die mir versichert, dass alles gut wird und ich mir keine Sorgen machen soll, weil wir bei seinem ehemaligen Schulkollegen gut aufgehoben sind.

Dass Samu operiert werden muss und das Bein tatsächlich gebrochen ist, ist für mich ein Schock. Gleichzeitig weiß ich aber, dass es so besser und schneller heilt, da ich nach meinem Beinbruch in der Kindheit ewig mit dem Gips rumlaufen musste und danach kaum noch Muskeln vorhanden waren. Als feststeht, dass Samu transportiert wird, bleiben die Motorräder erst mal am Krankenhaus - Mr. Shirazi sagt, er kümmert sich darum, dass sie zur Polizei gebracht werden. Ich musste die wichtigsten Sachen rausholen, der Rest würde dann dort bleiben. In meinem nicht zurechnungsfähigen Zustand nehme ich seinen Geldbeutel und vergesse sein Handy! Es war in der Motorradhose, die Samu jetzt nicht mehr an hatte. Auf dem Weg ins andere Krankenhaus (ich darf vorne im Krankenwagen mitfahren) kreisen meine Gedanken, Schuldgefühle und die Frage nach dem Warum werden unaushaltbar laut.


Es dauert ewig

Für mich geht es ins andere Krankenhaus. Der Weg ist nicht schlimm und Schmerzen habe ich fast keine mehr. Im ersten Krankenhaus bekomme ich schon eine Kanüle und Schmerzmittel. Ich bin fast eingeschlafen. Im Krankenhaus angekommen, bekomme ich eine Infusion, dann muss ich wieder zum Röntgen, dann muss ich ewig warten. Irgendwie dauert die Anmeldung und die ganze Bürokratie ewig. Mein Behandler Hamid kümmert sich um mich und sorgt dafür, dass meine Sachen nicht weg kommen, denn ich liege noch auf dem Gang. Hamid war Schichtleiter auf der Station und sprach ganz gut Englisch und kam gefühlt hundert mal vorbei um sich zu vergewissern dass bei mir alles gut sei. Alle wollen wissen was mit mir passiert ist. Der Sicherheitsmann wusste von mir Bescheid und brachte mir aus dem Krankenhausladen eine Kekspackung und Fruchtsaft. Alle schienen mehr Angst zu haben als ich. Ich bin mehrmals eingeschlafen, ich war müde oder die Medikamente waren es, keine Ahnung. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren die Papiere fertig und ich wurde in ein Zimmer gebracht. Die OP wurde angemeldet und sollte morgen Früh stattfinden, der Arzt soll auch noch vorbei schauen. Ich soll ab sofort nichts mehr Essen und trinken.


Bericht von Susi

Mr. Shirazi ist uns ins größere Krankenhaus gefolgt und nachdem dort Samu aufgenommen wurde, ist er so nett und fährt nochmal mit mir die knappe Stunde zurück zu den Motorrädern, dass ich Samus Handy und Lebensmittel aus dem Gepäck holen kann. Obwohl er kein Englisch spricht, unterhalten wir uns mit meinem Mini-Farsi-Wortschatz über verschiedene Themen. Was wir gerne essen will er wissen, was ich über deren Iranischen Führer und Amerika denke (da ich nicht wusste was genau sein Beruf war und vorsichtig sein wollte, gab ich ihm die Antwort, dass ich denke "Leute gut, Politik schlecht in Amerika" , was in dieser Situation wohl eine gute Antwort war.) Er gibt wirklich sein bestes um mich aufzumuntern. Bei der Polizeistation angekommen, wollen sie mich erst nicht reinlassen, weil ich keinen Tschador (die zeltgroßen Umhänge für Frauen, die tatsächlich wörtlich "Zelt" heißen) anhabe. Aber auch hier scheint Mr. Shirazi bekannt zu sein und ich werde durchgewunken, sodass ich alles erledigen kann. Dass das ein unpassender Ort ist um als Frau zur Toilette zu gehen muss ich wohl nicht erwähnen - ich werde hin und her geschickt und draußen wartet ein Polizist bis ich fertig bin. Danach können wir endlich zurückfahren und im Auto geht Shirazis Aufmunterungsprogramm weiter - er hat es tatsächlich in dieser schlimmen Situation geschafft, mich zum lächeln zu bringen. Als wir wieder zurück bei Samu sind, ist dieser inzwischen in einem Zimmer und hat den OP-Termin für morgen bekommen.

Kaum sind wir im Krankenhaus werde ich von den Leuten hin und her geschickt. Das Problem: im Iran sind die Krankenhäuser auch nach Geschlecht getrennt. Linker Gang Männer, rechter Gang Frauen. Mr. Shirazi setzt sich ein und verhandelt für mich. Ich darf trotzdem bei Samu bleiben, wir werden sogar allein im Zimmer gelassen und ich darf in einem Bett neben ihm schlafen. Es war uns zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst, aber Mr. Shirazi hat sich um alle Rechnungen und Dokumente im Krankenhaus für uns gekümmert und hat für uns bezahlt, ohne uns zu kennen! Zum Beispiel hat er dafür zahlen müssen, dass ich bei Samu sein darf und das Zimmer für uns freigehalten wurde.


Arzt kommt vorbei

Hamid, der Schichtleiter von der Notaufnahme verabschiedet sich von uns, er geht nach Hause, morgen heiratet er, erzählt er uns, wir wünschen ihm alles Gute. Hier auf der Station wurde ich von anderen Mitarbeitern betreut, alle sind sehr nett und wollen mich immer aufmuntern und ich soll mir keine Sorgen machen. Ich mache mir tatsächlich keine Sorgen in dem Moment, ich war einfach nur müde. Später kam ein Polizeibeamter rein und betonte dass er von der Internationale Polizei ist. "OK" meinte ich, "do you speak english?" fragte ich, "no", nur Farsi, meinte er. Susi versuchte dann mit ihren Farsi-Brocken zu erklären, woher wir kommen, was wir im Iran machen wollten, wohin wir wollten und was ist passiert. Er stellte ganz komische Detailfragen wie, warum sind wir nach Kandovan gefahren und warum wollten wir dies und das machen. Auf jeden Fall war er nicht ganz zufrieden dass er nicht alles versteht und ging irgendwann. Keine Ahnung ob er noch mal kommt. Dann kam der Arzt vorbei, der mich am nächsten Tag operieren sollte. Es hieß, dass er gut Englisch spricht, dass er in England studiert hat und dass er sehr gut ist und ich mir deswegen keine Sorgen machen muss. Er kam kurz rein, Jemand machte die Bandage weg und er drückte einmal stark auf mein inzwischen geschwollenes Knie. Das tat mir weh, er schaute mich an, schüttelte den Kopf und ging wieder. Naja, sein Englisch ist nicht so nützlich, wenn er nicht gesprächig ist.

Bericht von Susi

Es ist spät, bestimmt schon nach elf und wir sind hundemüde. Es klopft an der Tür und eine große Gruppe an Menschen kommt herein. Mr. Shirazi, seine Familie und Freunde sind gekommen und haben in einem Picknick-Korb Unmengen an Essen mitgebracht (Für ihn gelten die offiziellen Besuchszeiten wohl nicht). Samu sollte eigentlich wegen der OP nichts mehr essen und ich war einfach zu fertig dafür - aber auch das für Mr. Shirazi kein Problem. Er geht zu den Dienstschwestern und versichert uns dann, dass Samu sehr wohl essen dürfe. Keine Ahnung was er mit denen gesprochen hat. Eine Kleinigkeit bekommt er dann auch runter, er ist aber so müde dass er mehrmals, während die Besucher da waren, eingeschlafen ist. Wir sind aber eigentlich froh, als der Besuch geht und wir endlich mal Ruhe haben. Einfach nur verrückt. Erst jetzt kann ich die angesammelten Emotionen entladen. Erst als der ganze Schock vorbei ist, merke ich, dass mein Kopf und Nacken vom Aufprall schmerzen, auch an der rechten Seite habe ich ein kleines Hämatom abbekommen - aber alles nicht so schlimm, wie der üble Cocktail aus Gedanken und Emotionen, die sich so schnell drehen, dass ich mich wie betrunken fühle.


Im nächsten Beitrag erzähle ich über die Zeit nach der OP in Iran. Das war wirklich eine verrückte Zeit. Bleibt gespannt. Danke fürs vorbeischauen und machts gut.



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